Der Hostienraub
(aus der Chronik 500 Jahre Annenfest | von Hans Schippmann)
Das kleine Rellinghausen
Es war – im wahrsten Sinne des Wortes – wie verrückt: Die Welt sollte besser und menschenwürdiger werden, das war die Botschaft des Humanismus. Stattdessen war die Welt in Unordnung geraten!
Wie beschaulich war es dagegen in unserem kleinen Territorium Rellinghausen. Über 500 Jahre war es nun her, als Essens große Äbtissin aus dem ottonischen Kaiserhaus das Stift Rellinghausen gegründet hatte, wahrscheinlich im Jahr 996.
Mathilde, die Enkelin Kaiser Ottos I. d. Großen, hatte erkannt, wie wichtig in der Nähe zum Stift Essen eben ein weiteres Stift sei, das den Frauen aus niederem Adel eine Heimat bieten konnte. So entstand unter der Führung adliger Damen ein kleines Territorium, das in seiner besten Zeit neben dem eigentlichen Rellinghausen die Bauernschaften Heide (heute Stadtwald), und die Dörfer Vöcklinghausen, Bergerhausen, Überruhr, Byfang und Alte Ruhr (Steele-Süd) umfasste.
Mathilde, die als Äbtissin von 971 bis 1011 regierte, gilt als Erbauerin der Rellinghauser Kirche, von der bis heute der tausendjährige Turm an der Westseite der Kirche existiert.
Als Regentinnen im Namen der Äbtissin von Essen, die bis zum 13. Jahrhundert als Pröpstinnen dem Rellinghauser Stift vorstanden, fungierten die Dechantinnen. Dem Standesunterschied gemäß lag der Wohnsitz der Pröpstinnen, die Propstei, dann auch am Glockenberg nördlich der Kirche und der Kurien, wo die Stiftsdamen wohnten. Als die Rellinghauser „Juffren“ die Unabhängigkeit vom Mutterstift erstrebten, wählten sie die Pröpstin aus ihren Reihen.
Die Dechantinnen wohnten den Pröpstinnen entgegengesetzt, hinter dem Steinhaus, dem Versammlungshaus, an der Steinstraße (später Rellinghauser Straße).
Seesorglich betreut wurden die Stiftsdamen und die Bürger von drei Geistlichen, die man Kanonichen oder Kanoniker nannte. Jeder übernahm für eine Woche die voller Seelsorgeverantwortung. Später erfüllte der Oberpfarrer, der Pastor primarius, diese Funktion. Die beiden anderen hießen Vikare.
Die Kirche war dem hl. Jakobus d. Ä. geweiht. Jakobus war einer der zwölf Apostel Jesu und amtierte als Vorsteher der Jerusalemer Gemeinde bis zu seinen Märtyrertod 44 n. Chr. Im 9. Jahrhundert hat ein galizischer Bauer der Legende nach unter der Konstellation eines hellen Sternenfelds sein Grab gefunden. Um sein Grab herum entwickelte sich die Stadt Santiago de Compostella mit der Grabeskirche und einer der größten Wallfahrtsorte des Mittelalters.
Das Patrozinium deutet darauf hin, dass Rellinghausen am Pilgerweg gelegen hat: Von Wattenscheid kommend zogen die Pilger nach Werden und weiter nach Aachen. Jakobus spielt besonders in der Geschichte Spaniens eine wichtige Rolle: Er ist Landespatron und hat nach der Legende wesentlich zum Sieg über die Mauren beigetragen.
Durch das Annenfest wird der Kirchweihtag am Tag des hl. Jakobus immer weiter verdrängt. Dass es schließlich ganz verschwindet, liegt wahrscheinlich daran, dass die Spanier im 30jährigen Krieg nicht sehr zimperlich mit den Rellinghausern umgegangen sind. Da lag es nahe, das bei den Befreiern, den Niederländern, sehr beliebte Patrozinium des hl. Lambertus anzunehmen. Lambertus war Bischof von Maastricht und starb als Märtyrer 705 oder 706 in Lüttich.
Der Hostienfrevel
Für jeden Ort war im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit das Patronatsfest von großer Bedeutung: Feier- und Urlaubstage waren selten; stattdessen war harte Arbeit unter ebenso harten Bedingungen Mittelpunkt des Lebens. Umso ausgelassener und wilder feierten Städter wie Bauern die Kirchweih, die mit Gottesdiensten, aber auch festlichen Umzügen, Tanzveranstaltungen und Saufgelagen verbunden waren. Die geläufige Bezeichnung „Kirmes“ erinnert daran.
Ähnlich wurde wahrscheinlich auch in Rellinghausen am 25. Juli 1516 gefeiert: Es war das Patronatsfest, der Festtag des hl. Jakobus. Man feierte an diesem Tag die Kirchweihe oder Kirmes.
Und dann geschah das Ungeheuerliche: In einem unbeobachteten Augenblick schlichen sich zwei Gestalten (bei Ludwig Potthoff heißt es: Bettler) in die Kirche. Die beiden Essener Autoren Dicke und Lenz haben sich in ihrem Buch „Essen in Geschichte und Sage“ (1930) auf eine nicht näher belegte Quelle bezogen und darauf verwiesen, es habe sich nach einem sonnigen, teilweise schwülen Tag ein Gewitter angekündigt. Das Regenwasser sei sturzbachartig, ja geradezu wie bei der Sintflut vom Himmel geschossen.
Diese Gelegenheit scheinen die beiden Gestalten genutzt zu haben. Vom Altar herunter ergriffen sie einen Lederbeutel, in dem sie anscheinen die Kollektengelder vermuteten. Mit ihrer Beute machten sie sich schnellstens aus dem Staub und flüchteten in Richtung des Mühlenbaches. Als die beiden Diebe dort den Beutel öffneten, bemerkten sie ihren Irrtum: sie fanden ein silbernes Gefäß (Ziborium), das statt des erhofften Geldes geweihte Hostien enthielt.
Einen der beiden packte das Entsetzen: Er verließ voller Reue seinen Gefährten und flüchtete auf das Essener Territorium. Der andere erreichte das Annental. Dort in der Ruhe und Einsamkeit hoffte er offenbar, sich des seltsamen Inhaltes entledigen zu können: In einem unbeobachteten Augenblick schüttete er die Hostien in einen Dornbusch, um wenigstens das kostbare Gefäß zu Geld machen zu können.
Da war aber ein Schäfer mit seinen Schafen in der Abgelegenheit unterwegs: Er hielt den Dieb fest und überstellte ihn der Gerichtsbarkeit. Unser Übeltäter wanderte ins Gefängnis und gab dort den Namen seines Mittäters preis. Und so erreichte sie die Strafe auf dem Fuß: der eine wurde auf der Essener Hinrichtungsstelle, dem Räderkamp verbrannt, der andere auf dem Rellinghauser Galgenberg, heute Schillerwiese, hingerichtet.
Einen Tag nach der Auffindung der Hostien, dem 26. Juli, dem Tag der heiligen Anna, wurden sie in die Stiftskirche zurückgetragen: die Stiftsfrauen, Juffren genannt, und die Priester (Kanonichen) versammelten sich mit vielen Gläubigen zu einer feierlichen Prozession zum Dornbusch. Mit Gebet und Gesang holten sie die Hostien zurück.
Diesen Augenblick hält der unbekannt Barockmaler fest, der um 1700/10 das Altarbild für die Annenkapelle gemalt hat: Der uns namentlich bekannte Stiftspfarrer Anton Strave füllt den mitgebrachten Kelch mit den Hostien aus dem Dornenstrauch. Zwei weitere Kanonissen assistieren, die Juffren stehen betend daneben. Viele Gläubige auf der rechten Seite sehen erstaunt und aufgeregt zu. Auch der Schäfer wird berücksichtigt: Er blickt uns Zuschauer an und weist mit dem Zeigefinger auf den Dornbusch, als wollte er uns auf seine Entdeckung aufmerksam machen. Im Hintergrund sehen wir die Stiftskirche, offenbar mit dem Willen gemalt, die mittelalterliche Kirche darzustellen. Ob sie allerdings so ausgesehen hat, darf bezweifelt werden: Statt der romanisch-gotischen Formen hat sie eher Wohnhauscharakter mit einem leicht barockisierenden Giebel. Die Gesichter gehören ebenso dem Spätbarock an wie die puttigen Engelchen, die die Kirche umfliegen.
Das Bild wurde später in der 1967 abgebrochenen Canisiuskirche an der Frankenstraße aufbewahrt und hängt heute beschützt im Pfarrhaus. In der Annenkirche selbst schmückt heute eine Kopie den barocken Hochaltar. Er zeigt eine Pfarrkirche, die der heutigen sehr ähnlich ist.
Aber nicht nur das Altarbild und seine Kopie erinnern an den Hostienraub von 1516. Wie tief das Ereignis die Menschen beeindruckt hat, zeigen die unterschiedlichen Versionen in der Schilderung und die Sagen. So erzählt man sich die Auffindung folgendermaßen: Am Tag nach dem Raub weidete ein alter Schäfer seine Schafe im Tal. Plötzlich bemerkte er, wie seine Tiere vor einem Dornbusch niederknieten. Er ging der Sache nach und fand in jenem Strauch eine Reihe geweihter Hostien, die sich im Gezweig verfangen hatten. Er machte Meldung im Dorf und löst damit die „Annenprozession“, den feierlichen Rücktransport, aus. Die Legende um den Dornenstrauch fand bald darauf ihre Fortsetzung: Als im folgenden Jahr der Dornbusch Blätter hervorbrachte, zeigten sich auf ihnen die Bilder der Hostien.
Kein Wunder, dass an dieser Stelle eine „Heilige Stätte“ entsteht, zu der man in Erinnerung an den Hostienraub jedes Jahr pilgert und Gottesdienst unter freiem Himmel hält, bis eine kleine Kapelle entsteht. Durch „Einsatz des wohlgeborenen Herrn Jürgen von Schellenberg“ und mit Zustimmung des „allerwürdigsten Herrn Erzbischof zu Köln“ (so ein Chronist) und natürlich im Einvernehmen der edlen wohlgeborenen Anna von Limburg, Stiftspröpstin von Rellinghausen“ wird eine Kapelle gebaut, die den Namen „Kapelle Corporis Christi zur Heiligen Stätte“ trägt. Im 17. Jahrhundert findet sich der namentliche Zusatz „in vulgo St. Anna“ (allg. St. Anna genannt). So ersetzt der Name „Annenkapelle“ im Laufe der Zeit den ursprünglichen Namen.
Anna und die Kapelle
So beginnt das Annenfest das ursprüngliche Patronatsfest des hl. Jakobus abzulösen. Die hl. Anna wurde im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit vielerorts verehrt: Einmal, weil sie als Mutter der Gottesmutter Maria am Ausgangspunkt der Hl. Sippe steht. Diese wurde als Musterbeispiel der christlichen Familie angesehen und in vielen Altarbildern dargestellt, obwohl die kanonischen Evangelien keine ihrer Personen außer Jesus, Maria und Joseph erwähnen. Die Bedeutung der Anna zeigt sich auch in der häufigen Darstellung als Anna Selbdritt, nämlich gleichzeitig mit Maria und Jesus, oder als Unterweisende, die der jugendlichen Maria Unterricht erteilt.
Anna war als Patronin für einen Katalog von Patronaten zuständig, in dem sich auch die Rellinghauser Bürger wiederfinden konnten: für Ammen, gegen Armut, für Bergwerke, Besenbinder, Böttcher, Dienstboten, Drechsler, Eheleute, Eltern, Feuerwehr, schwangere Frauen, für grünes Gras, Heuernte, Kinder, Krämer, Müller, Regen, Reichtum, Schiffer, Seiler, Stallknechte, Weber, für das Wiederfinden verlorener Schätze.
Das Annenfest erfreute sich großer Beliebtheit. Dies wird eindrucksvoll unterstrichen, dass 1654 eine eigene Vikarie für die Annenkapelle gestiftet wurde, die bis 1750 Bestand hatte. Es nimmt daher nicht Wunder, dass man sich zum Bau einer neuen Kapelle entschloss. Nach fast 200 Jahren wird die alte Kapelle baufällig gewesen sein.
Und so wird 1693 ein Vertrag mit dem Baumeister Conrad Fischer geschlossen: auf 4 Fuß 30 hoch soll er eine neue Kapelle erreichten. Der Vertrag wird zähflüssig in die Tat umgesetzt: 1697 sind Steinmetzarbeiten mit Steinen „aus horstischen Steinkuhlen“ angefallen. 1701 wird der Neubau eingeweiht. Die häufig auftauchende Zahl 1707 ist falsch und bezieht sich offenbar auf einen Darlehensvertrag, der zwischen der Pröpstin Anna Isabella von Delbrück, der Stiftsdame A. J. von Vittinghoff-Schell und dem Pastor Primarius Johann Peter Crahn zur Finanzierung der Annenkirche geschlossen wurde. Offenbar war eine entsprechende Summe vorgestreckt worden.
Das Leben des Baumeisters Conrad Fischer, in Haus Horst wohnhaft und beschäftigt, nahm ein besonderes Schicksal: In der Nacht zwischen dem 4. und dem 5. Mai 1717 wurde er am Eingang zum Haus Horst ermordet. Wie überliefert wird, aus Eifersuchtsgründen: Ende des 18. Jahrhunderts lebte der Pferdeknecht Reinhard Cop auf Haus Horst, der die Magd Gertrud heiraten wollte. Er geriet auf die schiefe Bahn und wurde Räuberhauptmann. Gertrud heiratete den Zimmermann Conrad Fischer. Cop, nach langer Zeit zurückkehrend, wollte sich nicht mit dieser Heirat abfinden. Er ermordete Conrad Fischer.
Der Altar
Das Ruhrgebiet ist nicht gerade reich an barocken Bau- und Kunstwerken. Auch unsere Annenkapelle ist keineswegs das barocke Vorzeigeobjekt. Sie ist zwar im Barockzeitalter entstanden, weist aber in ihrer einfachen und klaren Bauform fast vorausschauend auf das utilaristische (nur auf die Nützlichkeit reduzierte) Industriezeitalter. Wenn da nicht der Altar wäre! Er ist weit und breit einmalig – und zwar eindeutig barock! Auch obwohl der Zahn der Zeit Spuren hinterlassen hat. So hat er die beiden Assistenzfiguren eingebüßt: den hl. Johannes den Täufer mit Kreuzstab und Lamm auf der linken Seite und den hl. Paulus mit Schwert und Buch auf der rechten Seite.
Durch die Renovierungen des letzten Jahrhunderts ist es gelungen, die theologische Aussage eines typischen Barockaltarswiederherzustellen: Den Anfang macht das Antependium (Altarbekleidung) vor dem Altartisch. Es zeigt auf einem Gemälde den knienden Schäfer mit seinen Schafen vor dem Dornbusch. Er streckt seine linke Hand aus, als wolle er die Hostien fassen. Aber er muss seine Augen mit einem Tuch schützen, weil aus dem Dornbusch Flammen schlagen. Ein Vergleich zu Moses und dem brennenden Dornbusch bietet sich an. Die schützende Geste des Schäfers könnte auch aus Ehrfurcht erfolgen. Dem Gläubigen soll deutlich werden: Gott erscheint, Christus erscheint im brennenden Dornbusch. 1516 ff. betont das Ereignis ein wesentliches Merkmal des Katholizismus: Christus ist real präsent in der Eucharistie, das Dogma der Transsubstantiation wird sichtbar.
Die geringelten Säulen links und rechts des Hauptbildes symbolisieren das Aufsteigen des Menschen in seinem Bewusstsein; den Weg zur Erkenntnis des Gottesreiches. Die beiden Assistenzfiguren Johannes der Täufer und Paulus sind verloren gegangen.
Sie haben den Erkenntnisweg des Menschen wahrhaftig assistiert, begleitet, als Vorbilder gedient.
Zum heilsbringenden Erkenntnisweg gehört auch die Bildaussage des Hauptaltarbildes, das die Auffindung der Hostien am Tage der hl. Anna darstellt. Im Mittelpunkt sind die drei Kanoniker zu sehen, der mittlere hält den Kelch und sammelt mit spitzen Fingern die Hostien ein. Er ist der Pastor primarius. Links erkennt man die Stiftsdamen und rechts Teile der Bevölkerung. Rechts unten deutet der Schäfer auf den Dornbusch mit den Hostien. Es ist seine Entdeckung. Im Hintergrund ist die Kirche sichtbar, die in der Kopie – jetzt in der Kapelle – die neue Pfarrkirche darstellt, wie sie in den 20er Jahren des 19. Jahrhunderts entstanden ist. Denn 1907 ließ man den Oelder Kunstmaler Johannes Bartscher eine Kopie erstellen, auf der die neue Kirche zu sehen ist – im Gegensatz zum Original.
Das Bild macht die katholische Auffassung von Eucharistie deutlich: Im Mittelpunkt des Bildes steht die Realpräsenz Christi im Altarsakrament.
Den Erkenntnisweg abgeschlossen haben Anna und Maria im obersten Bild. Sie sind uns ins Himmelreich vorausgegangen. Anna ist hier die Unterweisende, die die Tochter auf den Pfad der Erkenntnis bringt.
Zwei kleine Altarnischen rechts und links runden den Altar ab. In der rechten Nische steht heute eine Anna Selbdritt, eine im Mittelalter häufig geschnitzte Figureneinheit, die die enge Verwandtschaft zwischen Anna, Maria und Jesus, aber auch die Heilsgemeinschaft allegorisiert. Auf der linken Seite hat eine kleine Kopie von Aposteln ihren Platz gefunden, die im Original aus dem Windsheimer Altar des Tilman Riemenschneider stammen. Die beiden Apostel, Matthias und Jakobus, sind Teil einer großen Gemeinschaft der Heiligen, die das Heilsgeschehen verkünden und der Nachwelt überliefern.
So tritt die Annenkapelle auf verschiedenen Wegen in unser Bewusstsein: sie ist Sühnekapelle für den Hostienraub 1516, – sie ist auch Wallfahrtskirche zur hl. Anna und sie ist altes Symbol für die Geschichte und die christliche Vergangenheit des Stiftes Rellinghausen. Auch für uns, die heutigen Menschen, ist sie Mahnmal, Hort der Kontemplation, der kollektiven Erinnerung und des Christentums, nach wie vor die sinnvollste und einsichtigste Utopie der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft, Nach wie vor das Idealbild der Menschlichkeit, der Liebe und der Erlösung.